Elizabeth Doerr hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren als eine der renommiertesten und meistrespektierten Journalistinnen der Uhrenbranche etabliert. Sie ist einer der Gründer von Quill & Pad und Autorin von 'Twelve faces of Time'.


1.     Beschreiben Sie kurz Ihre Kindheit.

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch sehr jung war – meine alleinerziehende Mutter war also mein Vorbild. Sie war Tennislehrerin, und sie hat unglaublich viel Herz, Seele und Mühe in ihren Beruf gesteckt. Mit Kindern hat sie ganz besonders gerne gearbeitet, und es war ganz wundervoll zu beobachten, wie sie diese Kinder auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden als „Coach“ begleitet hat. Ich hoffe, dass ich mindestens genauso viel Herz, Seele und Mühe in meinen Job stecke, wie sie in ihren.

Meine Kindheit verbrachte ich im Wesentlichen mit Tennisspielen und Schule – da blieb nur wenig Zeit für anderes. Abgesehen von einer großen Liebe zu Rock-and-Roll-Musik, die ich als Jugendliche entwickelte.

2. Hatten Sie als Kind einen besonderen Ehrgeiz?

Als Teenager träumte ich davon, für den Rolling Stone zu arbeiten und über Rockmusik zu schreiben. Ich schätze mal, dass über Uhren zu schreiben fast genauso gut ist (lacht). Aber in mancher Hinsicht sind heute tatsächlich Uhrmacher meine Rockstars. 

3. Was ist Ihre frühste nennenswerte Kindheitserinnerung?

Als meine Mutter mir sagte, dass mein Vater und sie sich scheiden lassen würden.

4. Haben Sie jemals einen anderen Beruf ausgeübt?

Abgesehen von zwei kurzen Jahren in einem Unternehmen, das Fachmessen ausrichtet, war ich immer publizistisch tätig – auch wenn die ersten Zeitschriften, für die ich gearbeitet habe, Autozeitschriften waren (vielleicht war das der Moment, an dem mein Interesse an Sportwagen geweckt wurde). Uhren kamen danach – und nachdem ich sie für mich entdeckt hatte, blieb ich dabei.

5. Was hat Sie dazu veranlasst, Uhrenjournalistin zu werden?

Ich hatte immer das Gefühl, dass dieser Beruf eher mich gewählt hat, als ich ihn.

Bevor ich als freiberufliche Journalistin meinen eigenen Weg gegangen bin, habe ich bei einem Verlagshaus gearbeitet. Zu meinen Aufgaben dort hat praktisch alles gehört, außer dem eigentlichen Verfassen der Artikel, die veröffentlicht wurden. Es handelte sich um den Heel-Verlag in Deutschland, wo die Zeitschrift ArmbandUhren verlegt wurde, eine Lizenzausgabe des italienischen (inzwischen eingestellten) Orologi da Polso und Schwesterzeitschrift von iW International Watches. Dieser Job führte mich 1991 zum ersten Mal auf die Basler Messe – ein echtes Aha-Erlebnis.

1996 verließ ich den Heel-Verlag, um mich selbstständig zu machen, denn ich wollte eine Familie gründen. Zu diesem Zeitpunkt begannen wir Wristwatch Annual mit Abbeville Press als Lizenzausgabe des existierenden ArmbandUhrenKatalogs. Das war ein tolles Projekt für meine ersten Jahre mit einer eigenen Familie. Und als ich schließlich ein umfangreiches Netzwerk von Zeitschriften rund um den Globus aufgebaut hatte, war ich bereit dafür, mich ihnen zu widmen. Mein Geschäft wuchs praktisch gemeinsam mit meinen Kindern.  

2010 erschien 12 Faces of Time , ein Buchprojekt über unabhängige Uhrmacher, das ich zusammen mit Fotograf Ralf Baumgarten realisiert habe und das von TeNeues herausgegeben wurde. Ein paar Jahre später schrieb ich Bridging Art and Mechanics: The Unabridged Story of Corum’s Golden Bridge, das Watchprint 2015 veröffentlichte. Beide Bücher waren echte Herzensangelegenheiten, mit denen ich meine Liebe zur unabhängigen Uhrmacherkunst zum Ausdruck bringen wollte.

2014 starteten Ian Skellern und ich die Online-Publikation Quill & Pad (www.quillandpad.com), ebenfalls getrieben von unserer Liebe zur unabhängigen Uhrmacherkunst und zu handfestem Journalismus. Zu jener Zeit waren gute journalistische Jobs auf dem Freelance-Markt Mangelware, was unsere Entscheidung beschleunigte.

6. Was war der schlimmste Job, den Sie je hatten?

Als ich elf Jahre alt war, habe ich Zeitungen ausgetragen. Ich musste um 4.30 Uhr morgens aufstehen, um sie noch vor der Schule zu verteilen, und dann musste ich einmal pro Woche das Geld bei den Leuten einsammeln, denen ich die Zeitungen lieferte. Das war bei weitem der schlimmste Job, den ich je hatte – der frühe Morgen ist einfach nicht meine Zeit (ist er das von irgendwem?).  

7. Was war der absolute Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich glaube, der Tiefpunkt meiner Karriere war 2008 erreicht, als die Finanzmärkte einen großen Tiefschlag einstecken mussten. Ralf Baumgarten und ich hatten soeben unsere 12 Faces of Time vollendet und suchten nach einem Verleger. Ich erinnere mich daran, wie mir in unserem ersten Meeting auf der Frankfurter Buchmesse gesagt wurde: „Haben Sie die Märkte heute nicht verfolgt? Sie befinden sich im freien Fall, da können wir kein Risiko mit einem Bildband über unbekannte Uhrmacher eingehen!“

Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis wir einen Verleger finden würden. Und nicht nur das: Dieser Moment war nur ein Vorgeschmack auf das, was allgemein im (Uhren-)Journalismus passieren würde, wo die digitale Welt unsere Art zu arbeiten für immer verändert hat – und nicht nur zum Guten. Die Antwort war, natürlich, ein größeres unternehmerisches Risiko einzugehen.

8. Wer hat Sie am meisten beeinflusst? Wer oder was inspiriert Sie?

Meine Mutter ist definitiv die stärkste Frau, die ich je gekannt habe. Sie wurde zu meinem größten Einfluss und Inspiration. Als alleinerziehende Mutter in den 1970er Jahren musste sie einen Weg finden, um uns (wir waren drei Kinder) finanziell über Wasser zu halten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass wir in dieser anstrengenden Flut von Arbeit nicht untergingen. Ich bin davon überzeugt, dass es ihr nur gelungen ist, weil sie an das glaubte, was sie tat, und dass es ihrem Leben im Gegenzug auf eine andere Art und Weise Bedeutung verlieh.

Und sie wurde nie müde mir zu sagen, dass ich mit einer positiven Einstellung und harter Arbeit alles erreichen kann.

9. Worauf sind Sie am meisten stolz?

Abgesehen von meinen wunderbaren Kindern Alexander und Sabrina und die Aufnahme in die Athletic Hall of Fame meiner Alma Mater 2012 im Bereich Tennis, war in professioneller Hinsicht die Veröffentlichung der 12 Faces of Time definitiv mein stolzester Moment. Ich kann noch nicht mal ansatzweise beschreiben, wie viel Ausdauer und Beharrlichkeit das gekostet hat.

10. Welchen Rat würden Sie einem Zwanzigjährigen geben, der einen ähnlichen Weg wie Sie einschlagen möchte?

Ich würde ihm raten, einen anderen Weg einzuschlagen (lacht). Nein, im Ernst: Journalismus in seiner ursprünglichen Form existiert nicht mehr – also nicht, wenn man damit Geld verdienen will.

Also würde ich diese oder diesen Zwanzigjährigen fragen, ob sie oder er keinen anderen Berufswunsch hat. Und falls nicht, dann würde ich raten, clever zu sein, nicht aufzugeben, sich keine Gedanken über das Tun und Lassen anderer zu machen, immer den eigenen Weg zu gehen, eine positive Einstellung zu haben und hart zu arbeiten. Und sich dabei, wenn es geht, so gut wie möglich zu vernetzen. Ich bin ziemlich sicher, dass genau das das Rezept ist, mit dem ich dort gelandet bin, wo ich heute stehe.

11. Nennen Sie drei Dinge, die Sie noch erleben möchten:

Alle vier Tennis Grand Slam Turniere zu besuchen (bisher war ich in Wimbledon und bei den French Open – U.S. Open und Australian Open sind noch offen).

Nach Singapur zu reisen. Ich kann das nicht genau erklären, aber vermutlich hat es etwas mit den vielen wunderbaren Menschen aus diesem Land zu tun, die ich im Laufe meiner Karriere kennengelernt habe – und die größtenteils mit der Uhrenbranche verbandelt sind.  

Oh, und eine Vianney Halter Antiqua zu besitzen. Ich bin nicht sicher, ob das je geschehen wird.

12. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Branche in den nächsten 10 Jahren entwickeln?

Ich glaube – auch wenn ich es mir nicht wünsche –, dass die Methoden der Serienproduktion die Haute Horlogerie immer weiter und immer tiefer durchdringen werden. Dies wird auch dazu führen, dass unabhängige Uhrmacher von großer Bedeutung für alle Konsumenten bleiben werden, die echten Luxus zu schätzen wissen.

Ich denke, dass immer mehr neue Technologien in mechanische Uhrwerke einfließen werden, was ebenfalls mit der Serienproduktion einhergeht.

Und ich bin sicher, dass Online-Handel der alles entscheidende Kanal beim Uhrenverkauf sein wird.  

Ich glaube auch, dass in den nächsten 20 Jahren alle wichtigen Marken zu Konzernen gehören werden, mit Ausnahme von Rolex (was genau genommen als eigener Konzern gesehen werden könnte).