Maximilian Büsser

Normalerweise stelle ich zu Beginn der 12 Fragen den Betreffenden immer mit einer Kurzbeschreibung und einer Charakterisierung – wie etwa Designer, Uhrmacher oder Journalist – vor. Bei Max fällt mir das schwer. Er lässt sich nicht so einfach in Worte fassen: Ist er Geschäftsmann, Unternehmer, Designer, Visionär? Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er eine neue Generation der Uhrmacherkunst geprägt und auf seinem Weg vielen Menschen geholfen hat.


1.  Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht? Beschreiben Sie kurz Ihre Kindheit.

Meine Mutter stammt aus Indien. Mein Vater war Schweizer, aber er hatte praktisch sein ganzes Leben außerhalb der Schweiz verbracht, bis wir uns 1971 hier niederließen – da war ich vier Jahre alt. Meine Eltern hatten sich in den Sechzigern in Bombay kennengelernt und waren ihr Leben lang wahnsinnig ineinander verliebt.

Abgesehen von seiner Tätigkeit als Handelsvertreter in Indien, wo er meine Mutter kennenlernte, hat mein Vater die meiste Zeit seines Lebens für Nestlé in verschiedenen Ländern gearbeitet. Nach der Heirat und meiner Geburt beschloss er, dass es nun an der Zeit sei, sich „häuslich niederzulassen“. Die ganze Familie ging also zunächst nach Italien und schließlich zum ersten Mal in die Schweiz, wo mein Vater in der Nestlé Zentrale arbeitete – und weiterhin viel verreiste. Meine Mutter war nicht berufstätig. 

Als Einzelkind war ich häufig allein. Wir wohnten auf dem Land, aber meine Schule war in der Stadt – das machte es schwierig, Freunde außerhalb der Unterrichtszeiten zu treffen. Ich war kein besonders abenteuerlustiges Kind und habe mich oft unsicher gefühlt. Mit 13 bekam ich eine Brille und landete in einer Klasse, in der die meisten Schüler 15 oder 16 Jahre alt waren. Meine Teenagerjahre waren daher ziemlich hart... Ich zog mich zurück und hatte das Gefühl, dass ich komplett unfähig sei „dazuzugehören“. 

2.  Hatten Sie als Kind einen besonderen Ehrgeiz? Was wollten Sie später mal werden?

Autodesigner. Zwischen 4 und 18 Jahren skizzierte und zeichnete ich ständig Autos. Es war meine Berufung. Als ich 18 wurde und die Schule beendet hatte, eröffnete das Pasadena Art Center College of Design (das bekannteste Autodesign-College der Welt) einen europäischen Campus in der Schweiz, 20 Minuten von meinem Wohnort entfernt. Es war wahnsinnig teuer und meine Eltern hatten nicht die finanziellen Mittel dafür. Doch sie sagten mir, dass sie versuchen würden, das Geld aufzutreiben. Aber ich wollte nicht, dass sie dieses Opfer für mich erbringen. Stattdessen machte ich einen Master in Mikrotechnologie – und entdeckte dabei die Uhrmacherkunst…

3.  Was ist Ihre frühste Kindheitserinnerung? 

Wie ich als 3½-jähriger die Kühlschranktür öffne (der Griff war so hoch!) und versuche, meinen Finger in das Nutella-Glas zu stecken, bevor Mamas oder Papas Hände mich am Kragen schnappen.

4.  Haben Sie jemals einen anderen Beruf ausgeübt? Welchen? 

Ich bin seit meiner Zeit an der Universität vor 26 Jahren in der Uhrenbranche tätig. 

5.  Was hat Sie dazu bewogen, eigene Uhren zu entwerfen? Für wen haben Sie früher gearbeitet? Was hat Sie veranlasst, Ihren eigenen Weg zu gehen? 

Ich denke das war die Erkenntnis im Alter von etwa 35 Jahren, dass das kleine Kind, das einst davon geträumt hatte, Designer zu werden, sich verkauft hatte und zu einem Marketinginstrument geworden war. Während meiner 7 Jahre bei JLC und den 7 Jahren bei HW habe ich mich bei der Produktentwicklung immer darauf konzentriert, was der Markt verlangte und was sich gut verkaufen ließ, anstatt darauf, was ich selbst gerne entwickelt hätte. Und ich war ganz und gar nicht stolz darauf. Außerdem erkannte ich, dass die Werte von Respekt und Aufrichtigkeit, die meine Eltern mir vermittelt hatten, viel zu oft von einigen skrupellosen Menschen dieser Branche mit Füßen getreten wurden, und dass ich aus verschiedenen Gründen gezwungen gewesen war, das hinzunehmen. Das musste eindeutig aufhören. Daher nannte ich meine Marke MB&F (& Friends), auch wenn mir jeder sagte, dass das der denkbar schlechteste Name für eine Uhrenmarke wäre...! 

6.  Was war der schlimmste Job, den Sie je hatten? 

Als junger Mann habe ich mir unter der Woche Geld als Platzanweiser im Kino verdient, an Samstagen als Hi-Fi-Verkäufer gearbeitet und während der Mittagspausen private Mathe-Nachhilfestunden gegeben. Tatsächlich hat mir aber jeder dieser Jobs Spaß gemacht. Mit 24 Jahren war mein erster richtiger Job Produktmanager bei Jaeger-LeCoultre, welcher sich als echte Offenbarung entpuppte. Ich hatte nicht nur meinen Weg gefunden, sondern auch eine Ersatzfamilie und einen Sinn in meiner Arbeit. 

Ich mag wirklich nichts, was mit Administration zu tun hat (Buchhaltung, rechtliche Fragen, Prozesse, MRP-Systeme etc.). Ich schiebe diese Dinge vor mir her und mache sie am Ende mehr schlecht als recht. Daher muss ich mich mit Menschen umgeben, die das alles gerne – und viel besser – machen als ich.

7.  Was war der absolute Tiefpunkt in Ihrem Leben, und wie haben Sie ihn überwunden? 

Bei MB&F hat es einige schwierige Jahre gegeben – Jahre, in denen wir fast pleite waren – aber nichts war so hart wie mein erstes Jahr bei Harry Winston. Im Alter von 31 Jahren hatte ich den Komfort von JLC verlassen, um das Uhrensegment der Marke zu übernehmen – nur um festzustellen, dass es praktisch bankrott war und einige Wochen später zum Verkauf stehen sollte. Die New Yorker Zentrale steckte selbst in solchen Schwierigkeiten, dass sie uns nicht helfen konnte. Mir wurde praktisch gesagt: „Rette das Unternehmen oder wir melden Insolvenz an.“ Wir hatten das falsche Produkt, die falschen Zulieferer, fast ausnahmslos die falschen Händler; ein kleines, demotiviertes Team, das nur zu gerne das Unternehmen verlassen hätte, und wir konnten am Ende des Monats kaum die Gehälter bezahlen. Obendrein wollte wirklich jeder in der Firma – abgesehen von Herrn Winston selbst und unserem C.O.O. Robert Benvenuto – das Uhrensegment schließen. Es war ein wahnsinniger Kampf das Unternehmen vom Rande des Ruins zurückzubringen. Nach drei Monaten 18 Stunden Arbeit pro Tag entwickelte ich ein stressbedingtes Geschwür. Aber ich hatte keine andere Wahl, als weiter zu kämpfen. Es hat den größten Teil von 14 bis 16 Monaten gedauert, bis wir Licht am Ende des Tunnels sehen konnten. 1998/1999 waren grauenhafte Jahre. Aber nachdem ich das überstanden hatte, verlieh mir diese Erfahrung sechs Jahre später den Mut, mein eigenes Abenteuer zu wagen. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Schritt gegangen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, welchem Ausmaß an Stress ich standhalten kann. 

8. Wer hat Sie am meisten beeinflusst? Wer oder was inspiriert Sie? 

Wenn es um Werte geht, eindeutig meine Eltern. Leider habe ich das, wie die meisten jungen Leute, erst viel zu spät im Leben begriffen. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt und damit, auf viel zu viele Menschen wütend zu sein.

Beruflich haben mich Günther Blümlein und Henry-John Belmont während meiner frühen Jahre bei Jaeger-LeCoultre geprägt. Meine Liebe zu guten Produkten habe ich von ihnen, genau wie mein Streben nach einem angemessenen Preis-Leistungsverhältnis und nach Integrität. Ich hatte das Glück, in der Branche zu einer Zeit Fuß zu fassen, bevor die großen Uhrengruppen aufkamen. Wir haben damals nicht darüber gesprochen, wie wir mehr Gewinn machen könnten – nur darüber, wie man das Unternehmen retten und dann aufbauen könnte. Und der einzige Weg, den wir kannten, war, fantastische Produkte zu entwickeln.

9.  Worauf sind Sie am meisten stolz?

Stets die Werte bewahrt zu haben, nach denen mich meine Eltern erzogen haben. 

10.  Welchen Rat würden Sie einem Zwanzigjährigen geben, der einen ähnlichen Weg wie Sie einschlagen möchte? 

Mach es es nur, wenn es wirklich eine Leidenschaft von dir ist. Die Chance zu scheitern ist extrem hoch, also werde nur Unternehmer, wenn du glaubst, dass du es sonst bitter bereuen würdest.
Eine Marke ist weit mehr als ein Produkt. Es bedarf einer Vielzahl an Talenten, um Erfolg zu haben, und kein Mensch besitzt sie alle. Also sieh zu, dass du dich mit vielen begabten Leuten umgibst.
Stolz ist der beste Antrieb für einen kreativen Unternehmer. Halte dich von jeder Entscheidung fern, auf die du nicht stolz sein könntest.
„Man erntet, was man säht“ heißt es, aber das kann eben auch etwas unglaublich Positives und Kraftvolles sein. Also behandle jeden Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

11.  Nennen Sie drei Dinge, die Sie noch erleben möchten: 

Zu sehen, wie meine Töchter ihren Weg finden und glücklich sind.

Ein wirklich innovatives Stück Uhrmacherkunst zu entwickeln, das zu deutlich erschwinglicheren Preisen angeboten werden kann. 

Mich bei allen zu bedanken, die an mich geglaubt und mir im Laufe der Jahre geholfen haben. Da kann ich gleich mit dir anfangen, Peter. Ich werden dir deine Freundlichkeit und Hilfe nie vergelten können. Ohne dich würde es heute vermutlich kein MB&F geben.

12.  Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Branche in den nächsten 10 Jahren entwickeln? 

Der Winter naht... Mir scheint es, als wären wir am Ende eines Zyklus angelangt, in dem die meisten Big Player ihr Wachstum erkauft und dabei vergessen – oder es nicht gewagt – haben, in Kreativität zu investieren. Es scheint, als würde es künftig zwei Sorten von Uhrmacherei geben:  industrielle Volumenmarken mit hohen Marketingbudgets und hochkreative Kleinanbieter. Ich bin nicht sicher, ob es dazwischen noch viel Luft zum Atmen geben wird.